Mahler ist als Dirigent außerordentlich erfolgreich. Mit 37 Jahren bekleidet er die begehrtesten Posten der damaligen Musikwelt: den des Direktors der Wiener kaiserlich-königlichen Hofoper. Bis dahin hat er kaum Zeit für eine Frau gehabt. In Wien nun verliebt er sich in Alma Schindler, eine Frau mit viel Verständnis für Musik und Kunst im allgemeinen. Sie heiraten 1901 und bleiben bis zu Gustavs Tod ein glückliches Paar. Später wird Alma die geliebte von Oskar Kokoschka, 1915 heiratet sie Walter Gropius und wird, nachdem sie sich von dem Bauhausarchitekten getrennt hat, 1929 die Frau des Dichters Franz Werfel.
Palast-Hotel, Berlin W., Dezember 1901,
in größer Eile!
Mein teueres, liebes Mädchen!
In einer schrecklichen Hetze zwischen Ankunft und erster Probe schnell innige Grüße und einen Schrei des Herzens nach Dir! Dein lieber Brief vom Sonntag war mein Reisebegleiter. Ich habe ihn studiert wie das Neue Testament. Er hat mich Vergangenheit und Zukunft gelehrt. Wenn ich dazu komme, so erzähle ich Dir noch heute meinen Lebenslauf, vom Empfang Deines Briefes. (Der für mich eine Art „Hegyra” ist, von dem die Mohammedaner ihre Zeitrechnung beginnen.) Mein neues Leben hat auch da begonnen. Ich kann von jetzt ab nur im Hinblick auf Dich leben, atmen, sein.
Ich dirigiere in Berlin selbst mein Werk. Oh, könntest Du dabei sein! Aber – so nötig es andern ist, aus meinem Schaffen den Schlüssel zu meinem Sein zu gewinnen – Du, Du, meine Alma, wirst von mir ausgehend, aus der allumfassenden Gegenwart heraus, liebeshellsichtig, alles erfahren, Du-ich, ich-Du sein…
Jetzt muß ich fort, zur Probe. Wenn die Töne, die Schallwellen so viel Kraft hätten als mein Liebesstreben nach Dir, so müßtest Du es heute den ganzen Vormittag klingen hören. Dir, für Dich soll es sein, alles, was in mir lebt!
Meine geliebte Alma!
Dein Gustav
Palast-Hotel, Berlin W.,Dezember 1901,
Samstag nachmittag, da ich alle hinausgeschmissen,
um mit Dir allein sein zu können
Mein innigst geliebtes Mädchen!
Wie sehnsüchtig habe ich auf Deinen Brief gewartet! Nun ist er heute gekommen und hat mir einen so schönen, frohen Tag bereitet. Wenn Du meine Miene sehen könntest, mit der ich jetzt durch die straßen Berlins gehe, so wüßtest Du, wie ein Seliger aussieht. Alle Leute, glaube ich, sehen es mir vom Gesicht herab; denn (vielleicht bilde ich es mir nur ein) sie schauen mich alle so verwundert an. – Also eine kleine Umkehrung (das gefällt Dir doch, Du Contrapunktikerin) vom Goethischen „Über meines Liebchens Äuglein stehn verwundert alle Leute!” Daß Du so bist, meine Alma, meine Wärme- und Lichtspenderin, habe ich geahnt, gehofft, aber nicht gewußt. – Daß mir einmal im Leben ein solches Glück begegnen wird, geliebt zu sein, wie ich liebe, hätte ich nicht mehr geträumt. Wesen meinen Lebenspfad gekreuzt, habe ich unter Qualen es immer aufs neue erkennen müssen, wie Träume des Glücks und die ungenügende Wirklichkeit auseinanderfallen. Ich habe schon mir selbst die Schuld gegeben und im Innern völlig resigniert.
Du weißt ja selbst, Alma, wie es Dir ergangen ist, so jung Du noch bist, und wirst es mir nachfühlen können, wenn ich mit allen Regungen meines Herzens und meines Lebens nun aufs Innigste und in Seligkeit empfinde und auch sagen darf: Ich liebe zum ersten Male! Noch immer kann ich die Angst und die Sorge nicht loswerden, daß ein so schöner, holder Traum zerrinnen könnte, und kann den Augenblick nicht erwarten, wo ich an Deinem Munde und aus Deinem Lebensatem die Sicherheit und die tiefste Bewußtheit saugen werde, daß mein Lebensschiff aus den stürmen des Meeres sich in den Heimathafen gerettet hat. – Ich fühle es, daß wir uns mit unserem letzten Zusammensein erst wirklich nachgekommen sind und daß wir uns, jetzt scheinbar getrennt, erst wirklich vereinigt haben.
Siehst Du, mein Lieb, das habe ich alles aus Deinem letzten Brief herausgelesen. Warum, Alma, kannst Du nicht jetzt mit mir sein? Immer erinnere ich mich, wie Du mir einmal erzählt hast, wie gerne du reist. Ich glaube oft, Du bist bei mir, und spreche mit Dir und lese in Deinem Gesicht, wie Dir alles gefällt, mit welcher Neugierde Du alles Neue und Unbekannte auf Dich einstürmen läßt.
Wenn ich den süßen Nachtisch bekomme, möchte ich ihn Dir immer zuschieben, seitdem ich Deine Liebe für Kuchen und Früchte bemerkt habe (einst übrigens auch meine schwache Seite). Alles hat wieder Wert für mich, wenn ich an Dich denke, was unaufhörlich der Fall ist…
Sei von mir geküßt, Du Teuere, und ahne, wie wonnevoll es ist, mich den Deinen nennen zu dürfen,
Gustav
24 Dezember 1901
Meine Alma!
Der erste Weihnachtsabend, zu dem ich Dir meine Wünsche sende, und zugleich der letzte; denn von nun an, mein geliebtes Mädchen, werden wir ihn zusammen verbringen. Wie wird es sein, Alma, wenn wir, bald hoffentlich, vereinigt, keine Mittelperson mehr nötig haben werden? Wenn ich in mein Zimmer bin, sehe ich Dich schon neben mir walten. Wie eine Frucht kommt mir mein, unser Glück vor, das schnell greift unter der warmen Sonne einer vielleicht unbewährten, aber zukunftsfreudigen, vertrauenden Liebe uns vom Baume fallen soll. Heute an diesem Tag, der uns wie alle Menschen, auch ohne daß wir voneinander gewußt, in fröhlichen Kinderglauben vereinigte, der uns immer ein Symbol bleiben soll, daß wir, auch vereinigt und glücklich in unserer Liebe, unser Herz auch den anderen Menschen offenhalten sollen – den eine große, übermenschliche Liebe, die wir nur göttlich nennen können, hat ein Band um uns geschlungen, welches uns unauflöslich mit allen Lebenden verknüpft.
An diesem Tag, der den Kindern gehört, in denen der Same irdischer wie göttlicher Liebe gleich Wurzel schlägt; je nachdem ihn der Sämann wirft – segne ich Dich, mein geliebtes Leben. Möge mein Leben dem deinen zum Segen werden, daß Du über unsere irdische Liebe hinaus und aus ihrem Wesen, welches heilig sein soll, die göttliche erkennen und die „unerforschliche still zu verehren” fähig werdest! (Im wesentlichen kommt es nur darauf hinaus, daß wir nie ganz glücklich sein können, solange es andere Unglückliche gibt.) Verstehe mich recht, meine Alma, daß ich Dir heute nichts anderes zu sagen weiß – vielleicht kannst Du an nichts so tief erkennen, wie unbegrenzt und heilig meine Liebe zu Dir ist, daß ich jetzt – wo ich der Erfüllung meiner höchsten Wünsche so nahe bin und mich so innig glücklich fühle – mich und Dich über uns hinausführen möchte ich in jene Regionen, wo wir der Ewigkeit und Göttlichkeit einen Hauch spüren. So möchte ich Dein und sollst Du mein sein!
Meine Einzige!
Dein Gustav
München 1910
Meine Geliebte!
Da sitze ich schon wieder! Die Nachmittagsprobe ist vorüber – Schlußszene* – jede Note an Diche gerichtet! Es hat mich so furchtbar aufgeregt, als ob ich wieder an Deinem Bett säße, wie damals in den entzückenden Tagen, und spräche zu Dir! Ach, wie herrlich ist es, zu lieben! Und jetzt weiß ich, was es ist! Der Schmerz hat seine Gewalt und der Tod seinen Stachel verloren. Wie wahr sagt Tristan: „Ich bin unsterblich, denn wie könnte Tristans Liebe sterben?” Jetzt verbringe ich wieder einen ruhigen Abend – mir ist schon beinahe ganz gut. Ich habe mit Appetit gegessen und will ganz frisch sein wenn mein Schatz kommt. Immer denk ich an den Moment, – „Ist es wahr? hab ich Dich wieder? Kann ich es fassen? Endlich! Endlich!” Wenn ich nur wüßte, wann Du kommst! Morgen ist Dienstag, da wolltest Du doch kommen?… Dein heutiger Brief war so lieb und zum ersten Mal seit acht Wochen – eigentlich in meinem ganzen Leben – fühle ich dieses selige Glück, das einem die Liebe verleiht, wenn man von ganzer Seele liebt und sich wiedergeliebt weiß. Ich habe es doch richtig geträumt: ” Ich starb der Welt, ich bin im Hafen!” Aber, Almschi, Du mußt es mir doch immer wieder sagen – denn morgen schon weiß ich, glaub ich’s nicht mehr! Denn es ist ein „Glück ohne Ruh'”. Nun gute Nacht, meine Holde, Süße – vielleicht lachst Du heute über Deinen Gymnasiasten -, telegrafiere, wann Du kommst! Meine Geliebte –
Dein Gustav
* 8. Sinfonie Gustav Mahlers, deren Uraufführung er in München leitete.



















